RAG von Grund auf – Teil 4: Information Retrieval und Hybrid Search

AI EngineeringCost-Aware AI SystemsRetrieval Augmented Generation

In Teil 3 ging es um Embeddings und Vektorsuche.

Wir haben gesehen, dass Dense Retrieval besonders stark darin ist, semantisch ähnliche Inhalte zu finden.

Beispiel:

Frage:
Wie kann ich meinen Vertrag während der Probezeit beenden?

Dokument:

Während der Probezeit beträgt die Kündigungsfrist sieben Tage.

Die Wörter stimmen nur teilweise überein.

Die Bedeutung ist jedoch sehr ähnlich.

Embeddings können genau diese Beziehung modellieren.

Aber Dense Retrieval hat Grenzen.

Was passiert bei:

INC-847291

oder:

CVE-2026-12345

oder:

Artikel 17.4

oder:

QX-9107-B

Hier ist nicht primär die semantische Bedeutung entscheidend.

Hier zählt die exakte Zeichenfolge.

Damit kommen wir zur zweiten grossen Welt des Retrievals:

lexikalische beziehungsweise sparse Suche.

Und genau aus der Kombination von semantischer und lexikalischer Suche entsteht eines der wichtigsten Konzepte moderner RAG-Systeme:

Hybrid Search.


1. Information Retrieval ist älter als RAG

RAG wird häufig behandelt, als hätte die Suche nach relevanten Informationen erst mit Large Language Models begonnen.

Das ist natürlich nicht der Fall.

Das Forschungsgebiet Information Retrieval, kurz IR, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fragen wie:

  • Welche Dokumente sind für eine Suchanfrage relevant?
  • Wie werden Dokumente indexiert?
  • Wie werden Suchbegriffe gewichtet?
  • Wie ordnet man Treffer nach Relevanz?
  • Wie misst man die Qualität einer Suche?

Klassische Websuchmaschinen, Bibliothekskataloge, Enterprise Search und Dokumentensuchsysteme basieren auf diesen Grundlagen.

RAG übernimmt einen grossen Teil dieser Konzepte.

Das LLM kommt erst später hinzu.


2. Retrieval ist ein Ranking-Problem

Angenommen, wir besitzen 100’000 Chunks.

Ein Benutzer fragt:

Wie lange ist die Kündigungsfrist während der Probezeit?

Das Suchsystem muss nicht bloss entscheiden:

relevant
oder
nicht relevant

Es muss eine Reihenfolge bilden.

Zum Beispiel:

1. Kündigungsfrist während der Probezeit
2. Dauer der Probezeit
3. Kündigung nach Probezeit
4. Ferien während der Probezeit
5. Allgemeine Arbeitsvertragsbestimmungen

Retrieval ist deshalb typischerweise ein Ranking-Problem.

Jeder Kandidat erhält einen Score.

Danach werden die Kandidaten sortiert.


3. Lexical Retrieval

Lexical Retrieval sucht anhand von Wörtern, Tokens oder Zeichenfolgen.

Beispiel:

Query:

Kündigungsfrist Probezeit

Dokument A:

Die Kündigungsfrist während der Probezeit beträgt sieben Tage.

Dokument B:

Während der ersten drei Monate gelten besondere Regeln zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses.

Eine rein lexikalische Suche bevorzugt sehr wahrscheinlich Dokument A.

Denn dort kommen die Suchbegriffe direkt vor.


4. Exact Match

Der einfachste Fall ist ein Exact Match.

Query:

INC-847291

Dokument:

Incident INC-847291 wurde am Montag geschlossen.

Hier ist die exakte Übereinstimmung extrem aussagekräftig.

Dense Retrieval kann diesen Zusammenhang ebenfalls erfassen.

Aber ein klassischer Suchindex kann solche exakten Tokens häufig noch zuverlässiger und transparenter behandeln.


5. Tokenisierung

Bevor klassische Suchverfahren Wörter bewerten können, muss Text in kleinere Einheiten zerlegt werden.

Dieser Vorgang heisst Tokenisierung.

Beispiel:

Die Kündigungsfrist beträgt sieben Tage.

könnte werden zu:

[
  "die",
  "kündigungsfrist",
  "beträgt",
  "sieben",
  "tage"
]

Diese Tokens bilden die Grundlage vieler lexikalischer Suchverfahren.


6. Suchmaschinen-Tokens und LLM-Tokens sind nicht dasselbe

Der Begriff Token kommt sowohl bei Suchmaschinen als auch bei Sprachmodellen vor.

Er bezeichnet aber nicht zwingend dieselbe Zerlegung.

Ein LLM-Tokenizer könnte:

Kündigungsfrist

in mehrere Subword-Tokens zerlegen.

Ein klassischer Suchindex behandelt das Wort möglicherweise als einzelnes Term.

Deshalb sollte man unterscheiden zwischen:

LLM Tokenization

und:

IR Tokenization

Beide dienen unterschiedlichen Zwecken.


7. Normalisierung von Suchbegriffen

Suchsysteme normalisieren Text häufig vor der Indexierung.

Beispielsweise:

KÜNDIGUNGSFRIST
Kündigungsfrist
kündigungsfrist

werden zu:

kündigungsfrist

Mögliche Normalisierungsschritte sind:

  • Lowercasing,
  • Unicode-Normalisierung,
  • Entfernen bestimmter Sonderzeichen,
  • Sprachnormalisierung.

Die konkrete Strategie beeinflusst direkt, welche Begriffe später matchen.


8. Stopwords

Stopwords sind sehr häufig vorkommende Wörter, die bei klassischen Suchverfahren häufig wenig Unterscheidungskraft besitzen.

Beispiele:

der
die
das
und
oder
ist

Historisch wurden solche Wörter oft vollständig entfernt.

Moderne Suchsysteme können differenzierter damit umgehen.

Denn Stopwords können in bestimmten Queries durchaus Bedeutung tragen.

Beispiel:

To be or not to be

Ein blindes Entfernen wäre hier offensichtlich problematisch.


9. Stemming

Stemming reduziert Wörter auf einen künstlich erzeugten Wortstamm.

Beispielhaft:

kündigen
kündigt
gekündigt
kündigung

könnten auf einen gemeinsamen Stamm reduziert werden.

Der genaue Stamm muss sprachlich nicht korrekt sein.

Ziel ist lediglich:

ähnliche Wortformen sollen matchen.


10. Lemmatization

Lemmatization verfolgt ein ähnliches Ziel, versucht aber die linguistische Grundform eines Wortes zu bestimmen.

Beispiel:

ging
geht
gegangen

gehen

Lemmatization ist sprachlich anspruchsvoller als einfaches Stemming.

Beide Verfahren dienen dazu, Flexionsvarianten besser zusammenzuführen.


11. N-Grams

Ein N-Gram ist eine Folge von n Elementen.

Bei Wörtern:

"Kündigungsfrist Probezeit"

als Bigram.

Bei Zeichen:

ABC
BCD
CDE

als Character Trigrams.

N-Grams können hilfreich sein für:

  • Tippfehler,
  • Teilbegriffe,
  • Komposita,
  • Produktcodes,
  • Namen.

12. Deutsche Komposita

Deutsch stellt klassische Suchsysteme vor eine besondere Herausforderung.

Beispiel:

Kündigungsfrist

enthält:

Kündigung
+
Frist

Eine Suche nach:

Frist

soll möglicherweise trotzdem matchen.

Sprachspezifische Analyzer können solche Komposita berücksichtigen.


13. Inverted Index

Die zentrale Datenstruktur vieler klassischer Suchmaschinen ist der Inverted Index.

Statt für jedes Dokument zu speichern:

Dokument → Wörter

speichert man:

Wort → Dokumente

Beispiel:

kündigungsfrist
→ Dokument 2
→ Dokument 7
→ Dokument 12
probezeit
→ Dokument 1
→ Dokument 2
→ Dokument 9

Damit kann das System sehr schnell herausfinden, welche Dokumente bestimmte Begriffe enthalten.


14. Warum „inverted“?

Ein normaler Dokumentbestand könnte so gedacht werden:

Dokument A:
Probezeit, Kündigung, Frist

Dokument B:
Ferien, Urlaub, Anspruch

Der invertierte Index dreht die Perspektive um:

Probezeit → A
Kündigung → A
Frist → A
Ferien → B
Urlaub → B
Anspruch → B

Das macht Wortsuche extrem effizient.


15. Posting List

Die Liste der Dokumente beziehungsweise Positionen zu einem Term wird häufig Posting List genannt.

Beispiel:

Term:
kündigungsfrist

Posting List:
Doc 3
Doc 18
Doc 41
Doc 92

Ein Posting kann zusätzlich enthalten:

  • Häufigkeit,
  • Position im Text,
  • Feld,
  • weitere Statistiken.

16. Term Frequency

Term Frequency, kurz TF, beschreibt, wie häufig ein Term in einem Dokument vorkommt.

Beispiel:

Dokument A:

Probezeit Probezeit Kündigung Probezeit

Dann gilt:

TF(Probezeit) = 3

Die Intuition:

Wenn ein Begriff häufiger vorkommt, ist er möglicherweise wichtiger für dieses Dokument.

Aber allein reicht das nicht.


17. Das Problem mit häufigen Wörtern

Angenommen, der Begriff:

Mitarbeiter

kommt in fast jedem Dokument vor.

Dann hilft er kaum dabei, relevante Dokumente voneinander zu unterscheiden.

Dagegen könnte:

Kündigungsfrist

nur in wenigen Dokumenten vorkommen.

Dieser Begriff ist wesentlich informativer.

Dafür benötigen wir Document Frequency und Inverse Document Frequency.


18. Document Frequency

Die Document Frequency, kurz DF, beschreibt:

In wie vielen Dokumenten kommt ein Term vor?

Angenommen:

1000 Dokumente insgesamt

und:

"mitarbeiter"
kommt in 900 Dokumenten vor

während:

"kündigungsfrist"
kommt in 30 Dokumenten vor

Dann besitzt „Kündigungsfrist“ eine höhere Unterscheidungskraft.


19. Inverse Document Frequency

Die Inverse Document Frequency, kurz IDF, gewichtet seltene Begriffe höher.

Eine vereinfachte Form lautet:

IDF(t) = log(N / DF(t))

Dabei ist:

N

die Anzahl der Dokumente und:

DF(t)

die Anzahl der Dokumente, in denen Term t vorkommt.

Je seltener ein Begriff:

höhere IDF

Je häufiger:

niedrigere IDF

20. TF-IDF

TF-IDF kombiniert:

Term Frequency
×
Inverse Document Frequency

also vereinfacht:

TF-IDF(t,d) = TF(t,d) × IDF(t)

Ein Term erhält dadurch einen hohen Score, wenn:

  1. er im Dokument häufig vorkommt,
  2. aber im gesamten Korpus relativ selten ist.

21. TF-IDF intuitiv

Angenommen, Dokument A enthält:

Probezeit Kündigungsfrist Kündigungsfrist

und Dokument B:

Probezeit Ferien

Wenn „Probezeit“ in sehr vielen Dokumenten vorkommt, erhält es eine geringere Gewichtung.

„Kündigungsfrist“ könnte dagegen sehr spezifisch sein.

Dokument A erhält dadurch für die Query:

Kündigungsfrist Probezeit

einen höheren Score.


22. TF-IDF ist ein Vektormodell

Interessanterweise erzeugt auch TF-IDF Vektoren.

Angenommen, das gesamte Vokabular lautet:

[
  probezeit,
  kündigung,
  ferien,
  arbeitszeit
]

Dann könnte ein Dokument dargestellt werden als:

[
  0.8,
  1.4,
  0,
  0
]

Das ist ebenfalls ein Vektor.

Aber ein Sparse Vector.


23. Sparse Vector

Ein Sparse Vector besitzt sehr viele Dimensionen, von denen die meisten null sind.

Beispiel:

[
  0,
  0,
  0,
  1.2,
  0,
  0,
  0.7,
  0,
  0,
  ...
]

Das Vokabular kann zehntausende oder hunderttausende Dimensionen besitzen.

Ein einzelner Text verwendet davon nur wenige.

Daher:

sparse = dünn besetzt.


24. Dense versus Sparse

Dense Embedding:

[0.12, -0.74, 0.21, 0.55, ...]

Fast jede Dimension hat einen Wert.

Sparse Representation:

[0, 0, 1.2, 0, 0, 0.7, 0, ...]

Die meisten Dimensionen sind null.

Das ist die grundlegende technische Unterscheidung.


25. Sparse bedeutet nicht automatisch BM25

Dieser Punkt ist wichtig.

BM25 ist ein Sparse-Retrieval-Verfahren.

Aber nicht jedes Sparse Retrieval ist BM25.

Es gibt auch Learned Sparse Retrieval.

Dabei lernen neuronale Modelle gewichtete Sparse-Repräsentationen.

Ein bekanntes Konzept in dieser Familie ist beispielsweise SPLADE.

Die Repräsentation bleibt sparse, wird aber nicht ausschliesslich mit klassischen Termstatistiken erzeugt.


26. BM25

BM25 ist eines der wichtigsten klassischen Ranking-Verfahren im Information Retrieval.

Es baut auf ähnlichen Ideen wie TF-IDF auf, berücksichtigt aber weitere Faktoren.

Eine typische Form lautet:

score(D,Q)
=
Σ IDF(qi) ×

[f(qi,D) × (k1 + 1)]

/

[f(qi,D) + k1 × (1 – b + b × |D| / avgdl)]

Die Formel sieht zunächst kompliziert aus.

Die Grundidee ist jedoch gut verständlich.


27. Bestandteile von BM25

BM25 berücksichtigt unter anderem:

Termhäufigkeit

Wie oft kommt der Suchbegriff im Dokument vor?

Termseltenheit

Wie selten ist dieser Begriff im Korpus?

Dokumentlänge

Ist das Dokument ungewöhnlich lang?

Damit verbessert BM25 einige Schwächen eines einfachen TF-IDF-Modells.


28. Term Frequency Saturation

Bei einfachem TF könnte man implizit denken:

10 Vorkommen
= doppelt so relevant wie
5 Vorkommen

Das ist oft unrealistisch.

BM25 verwendet eine Sättigung.

Die ersten Vorkommen eines Terms erhöhen den Score stark.

Weitere Wiederholungen bringen immer weniger zusätzlichen Nutzen.

Vereinfacht:

1 → grosser Gewinn
2 → weiterer Gewinn
3 → kleinerer Gewinn
20 → kaum noch zusätzlicher Nutzen

29. Parameter k1

Der BM25-Parameter k1 steuert, wie stark Term Frequency gesättigt wird.

Vereinfacht:

kleiner k1
→ schnelle Sättigung
grösserer k1
→ Häufigkeit wirkt länger

In der Praxis werden häufig etablierte Standardbereiche verwendet und anschliessend evaluiert.


30. Dokumentlängen-Normalisierung

Ein langes Dokument enthält statistisch mehr Wörter.

Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Suchbegriff zufällig häufiger vorkommt.

BM25 berücksichtigt deshalb die Dokumentlänge.

Ein Dokument mit 10’000 Wörtern soll nicht allein deshalb höher ranken als ein fokussierter Absatz mit 100 Wörtern.


31. Parameter b

Der Parameter b steuert die Stärke der Längennormalisierung.

Vereinfacht:

b = 0
→ Dokumentlänge spielt keine Rolle
b nahe 1
→ Dokumentlänge wird stark berücksichtigt

Der klassische Default liegt häufig ungefähr bei:

b = 0.75

Dieser Wert ist aber kein Naturgesetz.


32. avgdl

avgdl steht für:

average document length

also die durchschnittliche Dokumentlänge im Index.

BM25 vergleicht die Länge eines Dokuments mit diesem Durchschnitt.

Im Chunk-RAG bedeutet „Dokument“ in der BM25-Formel praktisch oft:

Chunk

weil Chunks die Retrieval-Einheiten sind.


33. BM25 und Chunking

Hier zeigt sich die Verbindung zu Teil 2.

Wenn Chunks extrem unterschiedlich gross sind:

Chunk A: 50 Wörter
Chunk B: 2'000 Wörter

spielt die Längennormalisierung eine grössere Rolle.

Wenn alle Chunks ähnlich gross sind, reduziert sich dieser Effekt.

Chunking beeinflusst also auch klassische Retrieval-Scores.


34. Warum BM25 heute noch relevant ist

BM25 wirkt im Zeitalter neuronaler Modelle zunächst altmodisch.

Aber es besitzt Eigenschaften, die Dense Retrieval nicht zuverlässig ersetzt.

BM25 ist besonders stark bei:

  • exakten Begriffen,
  • seltenen Wörtern,
  • Eigennamen,
  • Produktcodes,
  • IDs,
  • Paragraphen,
  • Akronymen,
  • Fachterminologie.

Beispiel:

ZX-419-B

Eine exakte lexikalische Übereinstimmung ist hier extrem wertvoll.


35. Beispiel Dense versus BM25

Query:

Wie lange kann ich während der Probezeit kündigen?

Dokument A:

Während der Probezeit beträgt die Kündigungsfrist sieben Tage.

Dokument B:

In den ersten Monaten kann das Arbeitsverhältnis
mit kurzer Frist beendet werden.

Dense Retrieval könnte beide stark finden.

BM25 bevorzugt möglicherweise A, weil:

Probezeit
Kündigungsfrist

direkt vorkommen.


36. Beispiel mit Identifier

Query:

INC-847291

Dokument A:

Incident INC-847291 wurde geschlossen.

Dokument B:

Ein schwerwiegender Incident wurde gestern geschlossen.

Semantisch sind beide ähnlich.

Für den Benutzer ist aber nur A relevant.

BM25 beziehungsweise Exact Matching besitzt hier einen klaren Vorteil.


37. Beispiel mit Synonymen

Query:

Wie kann ich meinen Vertrag beenden?

Dokument:

Das Arbeitsverhältnis kann gekündigt werden.

BM25 sieht möglicherweise wenig Überlappung.

Dense Retrieval erkennt:

Vertrag beenden
≈
Arbeitsverhältnis kündigen

Hier hat Dense Retrieval den Vorteil.


38. Keine Methode gewinnt immer

Damit ergibt sich:

Query-TypDenseSparse
Paraphrasestarkeher schwächer
Synonymstarkschwächer
exakte IDunsicherersehr stark
seltene Fachbezeichnungunterschiedlichstark
natürlicher Satzstarkgut bis mittel
exakter Produktnamegutsehr stark
semantische Umschreibungsehr starkschwächer

Das ist der Grund für Hybrid Search.


39. Hybrid Search

Hybrid Search kombiniert mehrere Retrieval-Signale.

Im einfachsten Fall:

Dense Retrieval
      +
Sparse Retrieval
      ↓
kombiniertes Ranking

Damit versucht man, die Stärken beider Welten zu nutzen.


40. Eine typische Hybrid-Pipeline

                     Query
                       │
             ┌─────────┴─────────┐
             ▼                   ▼
        Dense Search        Sparse Search
             │                   │
             ▼                   ▼
        Dense Top-k         Sparse Top-k
             │                   │
             └─────────┬─────────┘
                       ▼
                    Fusion
                       ↓
                 Hybrid Ranking

Danach kann zusätzlich ein Reranker folgen.


41. Warum Fusion notwendig ist

Dense und Sparse Retrieval erzeugen unterschiedliche Scores.

Dense beispielsweise:

0.82
0.76
0.71

BM25 möglicherweise:

14.7
9.3
6.1

Diese Zahlen haben völlig unterschiedliche Bedeutungen.

Man kann nicht einfach rechnen:

0.82 + 14.7

ohne die Score-Räume zu berücksichtigen.

Deshalb braucht man eine Fusion Strategy.


42. Score Fusion

Bei Score Fusion werden die Scores verschiedener Retriever normalisiert und kombiniert.

Beispielsweise:

Hybrid Score
=
0.5 × Dense Score
+
0.5 × Sparse Score

Das klingt einfach.

Aber zunächst müssen beide Scores sinnvoll auf vergleichbare Skalen gebracht werden.


43. Min-Max Normalization

Eine einfache Normalisierung ist:

normalized(x)
=
(x - min)
/
(max - min)

Damit werden Scores ungefähr in den Bereich:

0 bis 1

transformiert.

Danach können sie kombiniert werden.

Problem:

Die Normalisierung hängt stark von den aktuellen Trefferverteilungen ab.


44. Z-Score Normalization

Eine andere Möglichkeit ist eine Standardisierung anhand von Mittelwert und Standardabweichung.

z = (x - μ) / σ

Auch das kann Score-Räume vergleichbarer machen.

Aber auch hier entstehen praktische Fragen:

  • Welche Kandidatenmenge?
  • Welche Verteilung?
  • Welche Ausreisser?

Score Fusion kann deshalb aufwendiger werden, als es zunächst klingt.


45. Weighted Fusion

Bei Weighted Fusion bekommen verschiedene Retriever unterschiedliche Gewichte.

Beispiel:

score =
0.7 × dense
+
0.3 × sparse

Das kann sinnvoll sein, wenn eine Retrieval-Art im jeweiligen Korpus zuverlässig stärker ist.

Die Gewichte müssen jedoch evaluiert werden.


46. Query-Adaptive Fusion

Noch flexibler ist eine queryabhängige Gewichtung.

Beispiel:

Query:

INC-847291

→ Sparse stärker gewichten.

Query:

Wie kann ich meinen Vertrag während der ersten Monate beenden?

→ Dense stärker gewichten.

Das kann leistungsfähig sein, erhöht aber die Komplexität.


47. Rank Fusion

Eine Alternative zur Score Fusion ist Rank Fusion.

Dabei interessieren nicht die absoluten Scores.

Es zählt nur die Rangposition.

Beispiel:

Dense:

1. A
2. B
3. C

Sparse:

1. B
2. D
3. A

Eine Rank-Fusion-Methode kombiniert diese Ranglisten.


48. Reciprocal Rank Fusion

Eine der wichtigsten Methoden ist Reciprocal Rank Fusion, kurz RRF.

Die Formel lautet:

RRF(d)
=
Σ 1 / (k + rank_i(d))

Dabei ist:

rank_i(d)

der Rang des Dokuments d in Retriever i.

Der Parameter k ist eine Konstante, die den Einfluss sehr hoher Ränge glättet.


49. RRF intuitiv

Angenommen:

Dense:

A → Rang 1
B → Rang 2
C → Rang 3

Sparse:

B → Rang 1
A → Rang 2
D → Rang 3

A und B werden von beiden Retrievern hoch eingestuft.

RRF belohnt genau diese Übereinstimmung.


50. Warum RRF beliebt ist

RRF besitzt einen grossen praktischen Vorteil:

Es muss keine inkompatiblen Score-Skalen normalisieren.

Dense kann Scores zwischen:

0.4 und 0.9

liefern.

Sparse kann:

3 bis 25

liefern.

RRF ignoriert die absoluten Werte und nutzt nur die Rangposition.

Das macht die Methode robust und einfach.


51. Der RRF-Parameter k

In der RRF-Formel:

1 / (k + rank)

steuert k, wie stark Spitzenränge gegenüber niedrigeren Rängen bevorzugt werden.

Ein häufig zitierter klassischer Wert ist:

k = 60

Dieser Wert stammt aus der Information-Retrieval-Literatur und ist kein universell optimaler Wert für jedes RAG-System.


52. RRF-Beispiel

Nehmen wir vereinfacht:

k = 60

Dokument A:

Dense Rank = 1
Sparse Rank = 2

Dann:

RRF(A)
=
1/(60+1)
+
1/(60+2)

Dokument C:

Dense Rank = 3
Sparse Rank = nicht vorhanden

Dann erhält C nur den Beitrag aus einer Liste.

A wird dadurch stärker bewertet.


53. Dokument fehlt in einer Rangliste

Wenn ein Dokument in einem Retriever nicht auftaucht, erhält es aus dieser Rangliste keinen Beitrag.

Damit bevorzugt RRF tendenziell Kandidaten, die:

  • von mehreren Retrievern gefunden werden,
  • oder in einem Retriever extrem hoch ranken.

54. Candidate Union

Bevor Rankings fusioniert werden können, werden Kandidaten häufig vereinigt.

Beispiel:

Dense Top 5:

A
B
C
D
E

Sparse Top 5:

B
F
A
G
H

Union:

A
B
C
D
E
F
G
H

Diese Kandidaten erhalten anschliessend einen Fusionsscore.


55. Duplicate Handling

Da derselbe Chunk in beiden Suchwegen vorkommen kann, benötigt man stabile IDs.

So wird:

Dense: Chunk 42
Sparse: Chunk 42

als derselbe Kandidat erkannt.

Ansonsten könnten identische Chunks mehrfach in der Ergebnisliste auftauchen.


56. Hybrid Search ist nicht einfach „mehr Treffer“

Das Ziel lautet nicht:

Dense 10
+
Sparse 10
=
20 Treffer an LLM

Sondern:

verschiedene Retrieval-Signale
        ↓
bessere Kandidatenmenge
        ↓
besseres Ranking

Danach kann die Menge wieder reduziert werden.


57. Candidate Generation

Dense und Sparse Retrieval werden häufig als Candidate Generators eingesetzt.

Beispielsweise:

Dense Top 50
Sparse Top 50
      ↓
Fusion
      ↓
70 eindeutige Kandidaten
      ↓
Reranker
      ↓
Top 10

Das Ziel der ersten Stufe ist hoher Recall.


58. Recall First

In der Candidate-Generation-Phase ist es oft wichtiger, die richtige Passage überhaupt im Kandidatenpool zu haben, als sofort perfekt zu sortieren.

Denn:

nicht retrieved
=
später nicht rerankbar

Ein Reranker kann einen Kandidaten nur verbessern, wenn er vorher gefunden wurde.


59. Precision Later

Nachdem genügend Kandidaten vorhanden sind, kann eine teurere zweite Stufe die Präzision erhöhen.

hoher Recall
      ↓
Reranking
      ↓
hohe Precision

Diese zweistufige Denkweise ist zentral für modernes Retrieval.


60. Keyword Search versus BM25

Nicht jede Keyword-Suche verwendet automatisch BM25.

Es gibt beispielsweise:

  • Boolean Search,
  • Exact Match,
  • Phrase Search,
  • Prefix Search,
  • Fuzzy Search,
  • TF-IDF,
  • BM25.

BM25 ist ein Ranking-Modell innerhalb der grösseren Welt lexikalischer Suche.


61. Boolean Retrieval

Bei Boolean Retrieval arbeitet man mit logischen Bedingungen.

Beispiel:

probezeit AND kündigung

oder:

probezeit AND NOT ferien

Das System entscheidet primär anhand logischer Matches.

Für klassische Suchinterfaces kann das sehr nützlich sein.

Für natürlichsprachliche RAG-Queries ist es allein meist zu starr.


62. Phrase Search

Bei Phrase Search wird eine exakte Wortfolge gesucht.

Beispiel:

"Kündigungsfrist während der Probezeit"

Das ist stärker als eine Suche nach den einzelnen Terms irgendwo im Dokument.

Phrase Matching kann besonders für:

  • Namen,
  • Titel,
  • Fachbegriffe,
  • Zitate

hilfreich sein.


63. Proximity Search

Proximity Search berücksichtigt, wie nahe Suchbegriffe im Text beieinander liegen.

Beispiel:

Probezeit ... Kündigungsfrist

im selben Satz ist wahrscheinlich relevanter als:

Probezeit

auf Seite 1 und:

Kündigungsfrist

auf Seite 30.

Positionen im invertierten Index ermöglichen solche Signale.


64. Field Boosting

Dokumente besitzen häufig Felder:

title
heading
body
tags

Ein Treffer im Titel kann stärker gewichtet werden als derselbe Begriff im Body.

Beispiel:

Title:
Kündigung während der Probezeit

ist ein sehr starkes Signal für die Query:

Kündigung Probezeit

Diese Technik heisst häufig Field Boosting.


65. Metadata Boosting

Neben Textfeldern können auch Metadaten das Ranking beeinflussen.

Beispiel:

aktuelles Dokument

könnte gegenüber:

archiviertes Dokument

bevorzugt werden.

Das ist allerdings kein rein textbasiertes Relevanzsignal mehr.


66. Recency Boost

Bei zeitabhängigen Wissensbeständen kann Recency relevant sein.

Beispiel:

Richtlinie 2026

soll möglicherweise höher ranken als:

Richtlinie 2023

wenn beide ansonsten ähnlich sind.

Das kann durch Filter oder Ranking-Boosts erfolgen.


67. Fuzzy Search

Fuzzy Search toleriert kleine Schreibabweichungen.

Query:

Kündigunsfrist

Dokument:

Kündigungsfrist

Eine exakte Suche würde scheitern.

Fuzzy Matching kann den Tippfehler überbrücken.


68. Edit Distance

Ein häufig verwendetes Konzept hinter Fuzzy Search ist die Edit Distance.

Sie misst, wie viele Zeichenoperationen nötig sind, um einen String in einen anderen umzuwandeln.

Beispielsweise:

Haus
Maus

benötigt eine Ersetzung.

Die bekannteste Variante ist die Levenshtein Distance.


69. Prefix Search

Bei Prefix Search kann eine Anfrage wie:

kündig

Begriffe finden wie:

kündigung
kündigungsfrist
kündigen

Das ist besonders für Suchfelder mit Autocomplete interessant.

In RAG-Pipelines spielt es je nach Query-Typ eine kleinere, aber mögliche Rolle.


70. Analyzer

Ein Analyzer definiert in klassischen Suchmaschinen typischerweise eine Verarbeitungskette aus:

Character Filters
      ↓
Tokenizer
      ↓
Token Filters

Beispielsweise:

Text
 ↓
Lowercase
 ↓
German Tokenizer
 ↓
Stemming
 ↓
Index Terms

Der Analyzer bestimmt wesentlich, welche Begriffe später matchen.


71. Index-Time Analysis

Bei der Indexierung wird Dokumenttext analysiert.

Dokument
 ↓
Analyzer
 ↓
Terms
 ↓
Inverted Index

Das ist Index-Time Analysis.


72. Query-Time Analysis

Auch die Suchanfrage muss verarbeitet werden.

Query
 ↓
Analyzer
 ↓
Query Terms

Index- und Query-Analyse müssen sinnvoll aufeinander abgestimmt sein.

Wenn Dokumente und Queries völlig unterschiedlich tokenisiert werden, sinkt die Trefferqualität.


73. Query Expansion

Query Expansion erweitert eine Suchanfrage um verwandte Begriffe.

Beispiel:

Query:
Auto

erweitert zu:

Auto
Fahrzeug
PKW

Das kann lexikalischen Recall erhöhen.

Bei RAG kann Query Expansion regelbasiert, modellbasiert oder über LLMs erfolgen.


74. Synonym Expansion

Eine spezielle Form ist Synonym Expansion.

Beispiel:

kündigen
↔
Arbeitsverhältnis beenden

Dadurch kann Sparse Retrieval teilweise semantische Varianten abdecken.

Das zeigt:

Sparse Search muss nicht zwingend auf exakte Wortgleichheit beschränkt bleiben.


75. Expansion birgt Risiken

Zu aggressive Expansion kann falsche Treffer erzeugen.

Beispiel:

Bank

kann bedeuten:

Finanzinstitut

oder:

Sitzbank

Kontextabhängige Bedeutungen machen Synonymregeln schwierig.

Dense Retrieval löst solche Ambiguitäten häufig besser.


76. Learned Sparse Retrieval

Klassische sparse Verfahren verwenden explizite Termstatistiken.

Neuere Ansätze lernen Sparse-Repräsentationen neuronaler Modelle.

Ein Text könnte dadurch Gewichte nicht nur für direkt vorkommende Wörter erhalten, sondern auch für semantisch verwandte Begriffe.

Vereinfacht:

Text:
Arbeitsverhältnis beenden

könnte zusätzlich hohe Gewichte erhalten für:

kündigung
kündigen
kündigungsfrist

Das verbindet teilweise Vorteile von Sparse und semantischer Suche.


77. SPLADE

SPLADE ist eine bekannte Familie neuronaler Sparse-Retrieval-Modelle.

Die Grundidee:

Text
 ↓
Transformer
 ↓
gewichtete Sparse-Term-Repräsentation

Die Repräsentation bleibt kompatibel mit sparse Suchprinzipien, enthält aber gelernte semantische Expansion.

Für das Grundverständnis genügt:

Sparse Retrieval kann klassisch oder gelernt sein.


78. Dense versus Learned Sparse

Beide können semantische Information transportieren.

Der strukturelle Unterschied bleibt:

Dense:

kleiner fester Vektorraum
mit vielen Nichtnullwerten

Learned Sparse:

sehr grosser Vokabularraum
mit wenigen gewichteten Terms

Das beeinflusst Indexierung, Speicher und Suchverfahren.


79. Hybrid kann mehr als zwei Retriever kombinieren

Hybrid Search muss nicht nur bedeuten:

Dense + BM25

Man könnte kombinieren:

Dense Embedding Search
+
BM25
+
Learned Sparse
+
Metadata Signals

oder sogar weitere Suchkanäle.

Je mehr Signale hinzukommen, desto wichtiger wird eine robuste Fusion.


80. Multi-Retriever Systems

Ein System mit mehreren unabhängigen Retrieval-Methoden wird häufig als Multi-Retriever-Ansatz beschrieben.

Beispiel:

Query
 ├── Dense Retriever
 ├── BM25 Retriever
 ├── Metadata Retriever
 └── Graph Retriever

Danach werden Kandidaten kombiniert.

Hybrid Retrieval ist damit ein Spezialfall eines allgemeineren Multi-Retriever-Prinzips.


81. Query Routing

Nicht jede Query benötigt zwingend alle Retriever.

Ein System könnte erkennen:

Query enthält exakte ID

und Sparse Search stärker einsetzen.

Oder:

Query ist konzeptionell

und Dense Search bevorzugen.

Diese Entscheidung nennt man häufig Query Routing.


82. Routing versus Fusion

Bei Routing entscheidet man:

Welcher Retriever soll verwendet werden?

Bei Fusion entscheidet man:

Wie kombiniere ich mehrere Retriever-Ergebnisse?

Beides sind unterschiedliche Strategien.


83. Warum immer beide Retriever verwenden?

Ein einfacher Ansatz lautet:

jede Query
→ Dense
→ Sparse
→ Fusion

Vorteile:

  • einfach,
  • robust,
  • keine falsche Routing-Entscheidung.

Nachteile:

  • mehr Suchaufwand,
  • potenziell höhere Latenz,
  • mehr Kandidaten.

Für viele Systeme ist dieser Trade-off trotzdem attraktiv.


84. Warum nicht nur BM25?

BM25 kann erstaunlich stark sein.

Aber bei semantischer Umschreibung entstehen Grenzen.

Query:

Kann ich in den ersten Monaten kurzfristig aus dem Arbeitsvertrag raus?

Passage:

Während der Probezeit beträgt die Kündigungsfrist sieben Tage.

Die lexikalische Überschneidung ist gering.

Dense Retrieval kann hier deutlich besser funktionieren.


85. Warum nicht nur Dense?

Umgekehrt:

Query:

CVE-2026-12345

Dense Retrieval muss diese konkrete Zeichenfolge nicht zwingend perfekt priorisieren.

BM25 sieht dagegen einen extrem seltenen, exakten Term.

Hier ist Sparse Retrieval strukturell besser geeignet.


86. Hybrid Search als Robustheitsstrategie

Hybrid Search ist deshalb weniger eine exotische Optimierung als eine Robustheitsstrategie.

Sie reduziert die Abhängigkeit von einer einzigen Vorstellung von Relevanz.

Dense sagt:

Diese Texte bedeuten Ähnliches.

Sparse sagt:

Diese Texte verwenden dieselben wichtigen Begriffe.

Beides zusammen liefert ein stärkeres Signal.


87. Lexical Match und Semantic Match

Man kann zwei unterschiedliche Relevanztypen unterscheiden.

Lexical Match

Query:
Kündigungsfrist

Passage:
Kündigungsfrist

Semantic Match

Query:
Vertrag beenden

Passage:
Arbeitsverhältnis kündigen

Hybrid Search versucht beide Arten gleichzeitig abzudecken.


88. Score Calibration

Bei Score Fusion stellt sich die Frage, ob Scores verschiedener Retriever kalibriert sind.

Ein Dense Score von:

0.78

und ein BM25 Score von:

11.6

sind nicht direkt vergleichbar.

Calibration versucht, Scores in eine interpretierbarere oder gemeinsame Skala zu bringen.

Das ist schwieriger als Rank Fusion.


89. RRF versus Weighted Score Fusion

Vereinfacht:

RRF

Vorteile:

  • robust,
  • einfach,
  • keine Score-Normalisierung nötig.

Nachteile:

  • ignoriert Score-Abstände.

Weighted Score Fusion

Vorteile:

  • kann Stärke einzelner Scores berücksichtigen.

Nachteile:

  • benötigt Normalisierung beziehungsweise Calibration.

Es gibt keinen universellen Gewinner.


90. Score-Abstand kann Information enthalten

Angenommen Dense liefert:

A = 0.91
B = 0.90

Das ist ein sehr kleiner Unterschied.

Oder:

A = 0.91
B = 0.55

Hier ist der Unterschied wesentlich grösser.

Rank Fusion betrachtet in beiden Fällen nur:

A Rang 1
B Rang 2

und verliert die Information über den Score-Abstand.

Das ist eine der Grenzen von RRF.


91. Trotzdem ist Rang oft stabiler als Score

Absolute Scores können sich stark verändern durch:

  • anderes Embedding-Modell,
  • andere Query,
  • anderen Korpus,
  • andere BM25-Statistiken.

Ränge sind oft leichter zu kombinieren.

Deshalb ist RRF als Baseline sehr beliebt.


92. Top-k pro Retriever

Bei Hybrid Search benötigt jeder Retriever ein eigenes k.

Beispiel:

Dense Top 30
Sparse Top 30

oder:

Dense Top 50
Sparse Top 20

Diese Werte beeinflussen den Recall der fusionierten Kandidatenmenge.


93. Warum ein zu kleines k gefährlich ist

Angenommen, die relevante Passage liegt:

Dense Rank 7
Sparse Rank 2

Bei:

Dense k = 5
Sparse k = 5

wird sie trotzdem über Sparse gefunden.

Wenn sie aber:

Dense Rank 7
Sparse Rank 9

ist und beide Retriever nur Top 5 liefern, ist sie vollständig verloren.


94. Warum ein zu grosses k teuer wird

Bei:

Dense k = 200
Sparse k = 200

kann die Union hunderte Kandidaten enthalten.

Das belastet:

  • Fusion,
  • Reranking,
  • Latenz,
  • Speicher,
  • eventuell LLM-basierte Rankingstufen.

Deshalb muss k evaluiert werden.


95. Candidate Recall

Eine wichtige Metrik für diese Stufe ist:

Ist mindestens eine relevante Passage im Kandidatenpool?

Das ist Candidate Recall beziehungsweise Retrieval Recall.

Wenn die relevante Passage bereits hier fehlt, kann keine spätere Stufe sie retten.


96. Search Recall versus Answer Quality

Ein System kann hervorragenden Retrieval Recall haben und trotzdem schlechte Antworten erzeugen.

Beispiel:

Top 50 enthält richtigen Chunk

aber:

Reranker wirft ihn weg

oder:

LLM ignoriert ihn

Deshalb müssen die Pipeline-Stufen separat gemessen werden.


97. Search Precision

Precision betrachtet den Anteil relevanter Treffer innerhalb der zurückgegebenen Menge.

Vereinfacht:

10 Treffer
davon 7 relevant

Precision = 0.7

Bei der ersten Candidate-Generation ist perfekte Precision oft weniger wichtig als guter Recall.

Später wird sie wichtiger.


98. Recall und Precision stehen oft im Spannungsfeld

Ein sehr breites Retrieval:

Top 100

erhöht die Chance, relevante Dokumente zu finden.

Aber es enthält möglicherweise viele irrelevante Kandidaten.

Ein sehr enges Retrieval:

Top 3

kann hohe Precision besitzen, aber relevante Passagen verpassen.

Das ist der klassische Recall-Precision-Trade-off.


99. Threshold Search

Statt nur Top-k kann man Treffer auch anhand eines Mindest-Scores filtern.

Beispiel:

nur Similarity ≥ 0.70

oder:

BM25 Score ≥ X

Aber Thresholds sind problematisch, weil Scores query- und modellspezifisch sind.


100. Top-k und Threshold kombinieren

Man kann beide Strategien kombinieren:

hole maximal 20 Treffer
aber nur wenn Score ≥ Threshold

Damit verhindert man beispielsweise, dass bei völlig irrelevanten Queries trotzdem 20 schlechte Treffer zurückgegeben werden.

Auch hier muss der Threshold empirisch bestimmt werden.


101. Null Result

Ein gesundes Suchsystem muss zulassen:

0 brauchbare Treffer

Es sollte nicht zwanghaft immer Ergebnisse liefern.

Denn:

Top-k

bedeutet nur:

Die besten k aus dem vorhandenen Korpus.

Nicht:

Diese k sind gut.


102. Das Top-k-Paradox

Wenn das Korpus überhaupt nichts Relevantes enthält, liefert eine reine Top-k-Suche trotzdem:

Top 5

Diese fünf Treffer sind mathematisch die besten.

Aber möglicherweise alle ungeeignet.

Deshalb benötigt ein RAG-System später zusätzliche Answerability- oder Relevance-Prüfungen.


103. Query Intent und Retrieval

Die Form einer Query beeinflusst, welche Suchart stark ist.

Beispiel:

"INC-847291"

ist identifier-orientiert.

"Welche Regeln gelten, wenn ich in den ersten Monaten kündigen möchte?"

ist semantisch.

"Artikel 17 Kündigungsfrist"

ist gemischt.

Hybrid Search reduziert die Notwendigkeit, jede Query perfekt zu klassifizieren.


104. Filters versus Search Terms

Angenommen, die Query lautet:

Was sagt das Personalreglement 2026 zur Probezeit?

Man könnte alles als Text suchen.

Oder strukturierte Teile extrahieren:

document_type = personalreglement
year = 2026

und nur:

Probezeit

retrieven.

Das kann präziser sein.


105. Filter sind harte Bedingungen

Ein Filter bedeutet typischerweise:

muss erfüllt sein

Beispiel:

year = 2026

Ein Dokument von 2025 wird ausgeschlossen, selbst wenn es semantisch perfekt passt.


106. Boosts sind weiche Bedingungen

Ein Boost bedeutet dagegen:

bevorzugen, aber nicht zwingend

Beispiel:

Dokumente von 2026 höher ranken

Ein Dokument von 2025 kann weiterhin auftauchen.

Filter und Boosts dürfen nicht verwechselt werden.


107. Query Parser

Ein Query Parser kann versuchen, strukturierte Bestandteile einer Anfrage zu erkennen.

Beispiel:

"Personalreglement 2026 Probezeit"

wird zu:

text_query = "Probezeit"
document_type = "Personalreglement"
year = 2026

Das kombiniert natürliche Sprache mit strukturierter Suche.


108. Metadata-aware Retrieval

Wenn Metadaten sauber während der Ingestion erzeugt wurden, kann Retrieval sie nutzen.

Damit zeigt sich wieder die Verbindung zu Teil 2:

gute Ingestion
      ↓
gute Metadaten
      ↓
präzisere Filter
      ↓
besseres Retrieval

109. Retrieval ist ein System aus Signalen

Man sollte sich Retrieval nicht als einen einzelnen Score vorstellen.

Ein modernes System kann viele Signale berücksichtigen:

Dense Similarity
BM25
Exact Match
Title Match
Metadata
Recency
Document Type
Permissions

Danach werden diese Signale kombiniert oder in mehreren Stufen verarbeitet.


110. First-Stage Retrieval

Die erste Suchstufe wird häufig First-Stage Retrieval genannt.

Ihre Aufgabe:

sehr viele Dokumente
        ↓
kleine Kandidatenmenge

Sie muss:

  • schnell,
  • skalierbar,
  • recall-stark

sein.

Dense ANN und BM25 sind typische First-Stage Retriever.


111. Second-Stage Ranking

Danach folgt häufig:

Second-Stage Ranking

oder:

Reranking.

Dabei werden nur noch die Kandidaten genauer bewertet.

100'000 Chunks
      ↓
First Stage
      ↓
50 Kandidaten
      ↓
Second Stage
      ↓
5 Kandidaten

Darum geht es ausführlich in Teil 5.


112. Lexical Retrieval ist transparent

Ein Vorteil klassischer Suchverfahren ist ihre relative Erklärbarkeit.

Bei einem Treffer kann man häufig nachvollziehen:

Query-Term "Kündigungsfrist"
kommt im Dokument vor

und:

ist im Korpus selten

Dense Embeddings sind wesentlich schwieriger direkt zu interpretieren.

Diese Transparenz ist bei Debugging wertvoll.


113. Dense Retrieval ist flexibler

Dense Retrieval kann dagegen Beziehungen erkennen, die lexikalisch nicht sichtbar sind.

Beispiel:

Query:
Wie verlasse ich meinen Arbeitgeber während der ersten Monate?

Dokument:

Während der Probezeit beträgt die Kündigungsfrist sieben Tage.

Das ist die grosse Stärke semantischer Repräsentationen.


114. Hybrid Retrieval erhöht Fehlertoleranz

Wenn Dense Retrieval eine relevante Passage verpasst, kann Sparse sie finden.

Wenn Sparse wegen fehlender Wortüberschneidung scheitert, kann Dense sie finden.

Damit entsteht Redundanz:

Dense Failure
   ↓
Sparse kann retten

Sparse Failure
   ↓
Dense kann retten

Das ist ein wesentlicher Grund, warum Hybrid Retrieval so attraktiv ist.


115. Hybrid Search löst nicht alles

Auch Hybrid Search kann scheitern.

Beispielsweise:

  • relevante Information wurde schlecht gechunkt,
  • OCR hat den Schlüsselbegriff zerstört,
  • Query ist mehrdeutig,
  • Antwort benötigt mehrere Dokumente,
  • passende Passage liegt ausserhalb beider Top-k,
  • ähnliche Versionen konkurrieren,
  • der relevante Chunk enthält zu wenig Kontext.

Hybrid Retrieval verbessert die Kandidatensuche.

Es ersetzt nicht die restliche RAG-Pipeline.


116. Beispiel einer vollständigen Hybrid-Suche

Angenommen, die Query lautet:

Welche Kündigungsfrist gilt während der Probezeit?

Dense Search:

1. Dauer und Kündigung in der Probezeit
2. Kündigung nach der Probezeit
3. Allgemeine Regeln zum Arbeitsverhältnis
4. Ferien während der Probezeit

BM25:

1. Kündigungsfrist während der Probezeit
2. Allgemeine Kündigungsfristen
3. Probezeit
4. Kündigung von Arbeitsverhältnissen

RRF könnte daraus erzeugen:

1. Kündigungsfrist während der Probezeit
2. Dauer und Kündigung in der Probezeit
3. Allgemeine Kündigungsfristen
4. Probezeit

Danach kann ein Reranker die Kandidaten nochmals präziser bewerten.


117. Beispiel mit exakter ID

Query:

Was steht zu INC-847291?

Dense:

1. allgemeines Incident-Dokument
2. ähnliches Incident-Ticket
3. INC-847291

Sparse:

1. INC-847291
2. anderer Text mit Incident-Begriffen

Fusion:

1. INC-847291

Hier rettet das exakte lexikalische Signal das Ranking.


118. Beispiel mit Paraphrase

Query:

Wie kann ich in den ersten Monaten meinen Arbeitsvertrag beenden?

Dense:

1. Kündigung während der Probezeit

BM25:

1. Arbeitsvertrag allgemein
2. erste Monate Beschäftigung
3. Kündigung

Fusion kann Dense stark berücksichtigen und trotzdem zusätzliche lexikalische Kandidaten behalten.


119. Search Pipeline als Funnel

Eine hilfreiche Darstellung ist ein Funnel:

gesamter Index
100'000 Chunks
      ↓
Dense + Sparse
      ↓
100 Kandidaten
      ↓
Fusion
      ↓
50 Kandidaten
      ↓
Reranking
      ↓
10 Kandidaten
      ↓
Context Selection
      ↓
5 Chunks
      ↓
LLM

Jede Stufe reduziert die Menge und erhöht idealerweise die Qualität.


120. Retrieval Quality beginnt bei Candidate Generation

Die wichtigste Frage der First Stage lautet:

Ist der richtige Chunk überhaupt dabei?

Wenn nein:

Reranker
LLM
Grounding

können nichts mehr retten.

Darum sollte Retrieval separat evaluiert werden.


121. Query Set für Evaluation

Ein guter Testbestand enthält unterschiedliche Query-Typen.

Zum Beispiel:

Exact Match

INC-847291

Fachbegriff

Kündigungsfrist Probezeit

Paraphrase

Wie schnell kann ich in den ersten Monaten kündigen?

Synonym

Wie kann das Arbeitsverhältnis beendet werden?

Mehrsprachig

What is the notice period during probation?

So zeigt sich, welche Retriever welche Stärken besitzen.


122. Ablation Testing

Bei einem Ablation Test entfernt man gezielt eine Komponente.

Beispielsweise:

Dense only

gegen:

BM25 only

gegen:

Dense + BM25 + RRF

Dann vergleicht man die Retrieval-Metriken.

So lässt sich messen, ob Hybrid Search tatsächlich einen Mehrwert bringt.


123. Warum Benchmarks allein nicht reichen

Ein Embedding-Modell oder Retriever kann auf öffentlichen Benchmarks hervorragend abschneiden.

Der eigene Korpus kann aber bestehen aus:

  • deutschen Verträgen,
  • Abkürzungen,
  • internen IDs,
  • Tabellen,
  • Fachbegriffen.

Deshalb muss Retrieval mit realistischen eigenen Queries evaluiert werden.


124. Retrieval ist korpusabhängig

Ein Korpus voller natürlicher Fliesstexte stellt andere Anforderungen als:

API-Dokumentationen

oder:

Support-Tickets

oder:

Gesetzestexte

oder:

Produktkataloge mit Artikelnummern

Die optimale Mischung aus Dense und Sparse kann deshalb unterschiedlich sein.


125. Dokumentfrequenz ist korpusabhängig

Auch IDF-Werte hängen direkt vom Korpus ab.

Der Begriff:

Kündigung

kann in einem allgemeinen Unternehmenswiki relativ selten sein.

In einer Sammlung arbeitsrechtlicher Dokumente kann er sehr häufig sein.

Damit verändert sich seine IDF.

BM25 ist deshalb intrinsisch korpusabhängig.


126. Embeddings sind ebenfalls domänenabhängig

Dense Retrieval hat eine andere Art von Korpusabhängigkeit.

Ein allgemeines Embedding-Modell kann gewisse Fachbegriffe schlechter repräsentieren.

Deshalb gilt für beide Welten:

nicht theoretisch entscheiden
sondern
mit echten Daten evaluieren

127. BM25 ist keine „alte Version von Embeddings“

Diese Vorstellung ist falsch.

BM25 und Dense Retrieval modellieren Relevanz unterschiedlich.

BM25 sagt im Kern:

Welche wichtigen Query-Terme tauchen im Dokument auf?

Dense Retrieval sagt eher:

Welche Passage liegt semantisch nahe an der Query?

Beide besitzen auch heute unterschiedliche Stärken.


128. Sparse Retrieval ist kein Fallback

Sparse Search sollte nicht bloss als Notlösung betrachtet werden, falls Dense Search versagt.

In vielen Fachkorpora trägt Sparse Retrieval substanzielle Qualität bei.

Besonders bei:

IDs
Namen
Versionen
Akronymen
Fachterminologie

kann es der wichtigere Retriever sein.


129. Dense Retrieval ist keine „intelligentere Suche“

Es ist ebenfalls irreführend, Dense Search pauschal als intelligentere Version klassischer Suche zu betrachten.

Sie optimiert einen anderen Signaltyp.

Ein System, das:

AB-4711

nicht exakt findet, obwohl der String im Dokument steht, wirkt für den Benutzer nicht intelligent.

Semantik ersetzt Präzision nicht.


130. Hybrid Search ist keine Magie

Hybrid Search verbessert die Robustheit, erzeugt aber neue Designfragen:

  • Welche Retriever?
  • Wie grosses k?
  • Welche Fusion?
  • Welche Gewichte?
  • Welche Filter?
  • Welche Query-Normalisierung?
  • Welche Kandidaten gehen ins Reranking?
  • Wie werden Duplikate behandelt?

Auch Hybrid Search muss evaluiert werden.


131. Begriffe dieses Teils

BegriffBedeutung
Information RetrievalFachgebiet zur Suche und Bewertung relevanter Informationen
Lexical RetrievalSuche anhand von Begriffen beziehungsweise Textmerkmalen
Sparse RetrievalRetrieval mit dünn besetzten Repräsentationen
Inverted IndexTerm-zu-Dokument-Struktur für schnelle Textsuche
Posting ListListe der Dokumente beziehungsweise Positionen eines Terms
Term FrequencyHäufigkeit eines Terms in einem Dokument
Document FrequencyAnzahl der Dokumente, die einen Term enthalten
IDFGewichtung seltener Begriffe
TF-IDFKombination aus Termhäufigkeit und Termseltenheit
BM25klassisches probabilistisches Ranking-Verfahren
k1BM25-Parameter für Term-Frequency-Sättigung
bBM25-Parameter für Längennormalisierung
avgdldurchschnittliche Dokumentlänge
AnalyzerVerarbeitungskette für Index- und Query-Text
StemmingReduktion auf Wortstämme
LemmatizationRückführung auf linguistische Grundformen
Stopwordssehr häufige, oft schwach unterscheidende Wörter
N-GramFolge von n Wörtern oder Zeichen
Phrase SearchSuche nach exakten Wortfolgen
Fuzzy Searchfehlertolerante Textsuche
Edit DistanceMass für Zeichenunterschiede
Field Boostingstärkere Gewichtung bestimmter Dokumentfelder
Query ExpansionErweiterung der Query um zusätzliche Begriffe
Learned Sparse Retrievalneuronales sparse Retrieval
Hybrid SearchKombination mehrerer Retrieval-Verfahren
Score FusionKombination numerischer Retriever-Scores
Rank FusionKombination von Ranglisten
RRFReciprocal Rank Fusion
Candidate Generationerste breite Erzeugung relevanter Kandidaten
First-Stage Retrievalschnelle Retrieval-Stufe über den gesamten Index
Second-Stage Rankinggenauere Bewertung einer kleineren Kandidatenmenge
Query RoutingAuswahl geeigneter Retriever für eine Query
Filterharte Einschränkung des Suchraums
Boostweiche Bevorzugung eines Kandidaten
Top-kAnzahl der höchsten Suchtreffer
ThresholdMindestscore für akzeptierte Treffer
PrecisionAnteil relevanter Ergebnisse unter den gelieferten Ergebnissen
RecallAnteil gefundener relevanter Informationen

132. Dense und Sparse in einer Übersicht

EigenschaftDense RetrievalSparse Retrieval
GrundlageEmbeddingsTerms / Sparse Weights
StärkeSemantikexakte Begriffe
Synonymestarkabhängig von Expansion
Paraphrasenstarkeher schwach
IDspotenziell schwächersehr stark
Eigennamengut bis unterschiedlichstark
Erklärbarkeitgeringerhöher
IndexVector IndexInverted Index
typische VerfahrenANN, HNSWBM25, TF-IDF
typische RepräsentationDense VectorSparse Vector

Die Kombination lautet:

Dense
   +
Sparse
   ↓
Hybrid Retrieval

133. Die vollständige Retrieval-Landkarte bis hierhin

Wir können die ersten vier Teile jetzt zusammenführen.

                 INGESTION

Dokument
   ↓
Parsing / OCR
   ↓
Struktur
   ↓
Chunking
   ↓
Chunks
   │
   ├───────────────┐
   │               │
   ▼               ▼
Embedding      Sparse Index
   │               │
   ▼               ▼
Vector Index   Inverted Index


                   QUERY

                    Frage
                      │
             ┌────────┴────────┐
             ▼                 ▼
      Query Embedding      Query Terms
             │                 │
             ▼                 ▼
       Dense Search       Sparse Search
             │                 │
             └────────┬────────┘
                      ▼
                  Fusion
                      ↓
             Hybrid Candidates
                      ↓
                 Reranking
                      ↓
              Context Selection
                      ↓
                    LLM

Damit haben wir den Kern moderner Retrieval-Pipelines erreicht.


134. Die wichtigste Erkenntnis aus Teil 4

Dense Retrieval beantwortet grob:

Welche Texte bedeuten etwas Ähnliches?

Sparse Retrieval beantwortet grob:

Welche Texte enthalten die wichtigen gesuchten Begriffe?

Keine dieser Fragen ist identisch mit:

Welche Passage beantwortet die Benutzerfrage am besten?

Deshalb kombiniert man beide zunächst zur Candidate Generation.

Danach folgt eine neue Aufgabe:

Wir haben gute Kandidaten.
Welche davon sind wirklich die besten?

Genau hier beginnt Reranking.

Ein Bi-Encoder kann Millionen Chunks schnell auf wenige Kandidaten reduzieren.

Ein BM25-Retriever kann exakte Begriffe zuverlässig ergänzen.

RRF kann beide Ranglisten zusammenführen.

Aber eine Passage kann immer noch:

  • semantisch ähnlich,
  • lexikalisch passend,
  • und trotzdem nicht die richtige Antwort

sein.

Die nächste Stufe muss deshalb die Query und jeden Kandidaten wesentlich genauer miteinander vergleichen.

Damit kommen wir zu:

Cross-Encodern, Rerankern, MMR, Query Rewrite, Multi-Query und HyDE.

Das ist Teil 5.

RAG von Grund auf

Teil 1 – RAG verstehen
LLM, parametrisches Wissen, Kontext, Retrieval, Augmentation, Generation und Grounding.

Teil 2 – Dokumente, Parsing und Chunking
Ingestion, Parser, OCR, Dokumentstruktur, Chunks, Overlap, Structured Chunking, Parent-Child und Small-to-Big.

Teil 3 – Embeddings und Vektorsuche
Embeddings, Dense Vectors, Bi-Encoder, Cosine Similarity, ANN, HNSW und Vector Stores.

Teil 4 – Information Retrieval und Hybrid Search
Inverted Index, TF, IDF, TF-IDF, BM25, Sparse Retrieval, Hybrid Search, Score Fusion und Reciprocal Rank Fusion.

Teil 5 – Reranking und Retrieval-Strategien
Cross-Encoder, Top-k, MMR, Query Rewrite, Multi-Query, HyDE und Context Selection.

Teil 6 – Kontext, Grounding und Antworten
Kontextfenster, Token-Budget, Lost in the Middle, Answerability, Faithfulness und Citations.

Teil 7 – Advanced RAG
Naive RAG, Modular RAG, Multi-Hop, Self-RAG, CRAG, RAPTOR, GraphRAG, ColBERT und Agentic RAG.

Teil 8 – Evaluation, Sicherheit und Abgrenzung
Recall, Precision, Hit@k, MRR, nDCG, RAG-Evaluation, Prompt Injection, RAG Poisoning, Fine-Tuning und Tool Calling.